Tag 8 Friesland 2022 (8.6.) Groningen bis Garnwerd

Es wäre uns ein Leichtes gewesen, eben den Mast zu legen und Groningen über den Prinses Margriet Kanal zu umfahren. Warum aber? Es ist toll, mit dem Boot mitten durch eine City geschleust zu werden und der Verkehr stockt für einen Moment – damit Du durchfahren kannst! In Holland findet man das normaal. Bei uns kann ich mir das nicht vorstellen, nicht ansatzweise! Leider. Denn alle reden doch von Entschleunigung…

Über 18 Brücken musst du gehn….

Das werden wir auf dem Rückweg auch so machen. Denn es reicht, einmal alle 18 Brücken hintereinander wie von Geisterhand geöffnet zu bekommen, wie das in Groningen heute für uns und ein weiteres Boot geschah! 0930h ging es am Oosterhaven los und dann folgte eine Brücke der nächsten, teilweise im Abstand von 200m.

Dabei gibt es ein genial einfaches System: zwei Brückenwärter teilen sich den Job. Ist einer mit einer Brücke durch, fährt er mit dem Rad gleich zur übernächsten, den die nächste macht der andere. Auf diese Weise werden Wartezeiten vermieden und kaum nähert man sich der Brücke mit dem Boot, gehen die Lichter auf Rot über Grün (Öffnung in Vorbereitung), dann pingelt es laut und nach einem Sicherheitsmoment werden die rot-weißen Schranken runtergefahren. Danach öffnet sich die Brücke. Und jetzt, Achtung: man wartet nicht, bis von Rot über Grün auf rein Grün umgeschaltet wird (wie in Deutschland, sonst wird man reglementiert!), sondern man fährt, wenn der Mast passt. Auf diese Weise verkürzt sich der ganze Vorgang für die wartenden Verkehrsteilnehmer auf der Straße. Nur die Eisenbahnbrücke erforderte ca. 20min Wartezeit. Aber in dieser Zeit fuhren auch zwei Vorortzüge von links nach rechts und zwei weitere von rechts nach links – auf eingleisiger Strecke! Bahnbrücken dauern überall länger- schon aus Sicherheitsgründen. Und in Deutschland sind sie mitunter tage – oder wochenlang nicht zu öffnen (Oldenburg oder Schlei), weil sie uralt sind und das alte Eisen zu viel arbeitet und sich bei Hitze verkeilt. Fällt in Holland irgendwo eine Brücke oder Schleuse aus, dann ist binnen einer halben Stunde ein Monteur vor Ort und in einer weiteren halben Stunden läuft die Sache wieder. In Deutschland werden erst mal Anträge gestellt… und dann will der Datenschutz gefragt werden… und dann die Frauenbeauftragte…. und dann der BUND….

So, genug gemeckert. Aber bezüglich Wassersport ist in Holland wirklich alles besser – ohne Einschränkungen. Mit Ausnahme des Elisabethfehnkanals natürlich…. und der Schleuse von Oldersum, die von der Zeitschrift boote zur freundlichsten Schleuse Deutschlands gewählt wurde. Schlimm genug, dass man da in Deutschland erst einen Wettbewerb davon machen muss…

Also, nach allen Brücken und der einen Schleuse querten wir den großen Kanal und fuhren auf dem Reitdiep weiter durch weites Land, aber nicht sehr weit. Nur bis Garnwerd. Hier legen wir immer an, seit 40 Jahren. Früher gab es hier nur die Mühle und einen Imbiss und drei Anleger. Aber der Imbiss hatte es in sich! Unsere Kinder schwärmen noch heute davon. Später wurde der winzige Ort um die Brücke herum touristisch etwas ausgebaut. Heute gibt es ein schönes Lokal direkt am Wasser und ein paar renovierte Liegeplätze daneben. Sandstrand und Trampolin und was heute so angesagt ist. Wir sind durch die Brücke durch, weil sie gerade offen war und haben uns nördlich einen Liegeplatz gesucht. Marode, aber chic. Erst mal was essen, dann eine kleine Siesta, dann ein Gang zur Mühle und dann mal sehen, ob wir noch weiterfahren bis Zoutkamp. Sonst halt morgen. Voll ist es hier nicht, aber es ist ein wenig Betrieb. Auch die Brücke muss alle halbe Stunde spätestens mal geöffnet werden, wenn wieder Boote kommen auf dem Reitdiep. Es gibt also schön was zu gucken von unserem Platz mit Chic.  Und das Wetter ist auch ganz passabel heute, bewölkt, aber mit sonnigen Anteilen. Und vor allem  nicht mehr so kühl….

Letzte Bemerkung ist eine historische:

Das Reitdiep, das vom Lauwersmeer bis Groningen führt, war vor der Eindeichung der Lauwersmeeres ein Meeresarm, Ebbe und Flut unterworfen. Und auf diesem Meeresarm fuhren in früheren Jahrhunderten die großen Clipper der holl. Flotte bis Groningen als ihrem Heimathafen, oder später auch Dokkum! Wenn man aber sieht, wie schmal dieser Priel ist, dann fragt man sich, wie das möglich war! Dieselbe Flotte, die sich mit der englischen oder portugiesischen oder spanische Flotte immer wieder große Schlachten auf See lieferte um die Vorherrschaft auf den Weltmeere, diese Flotte fuhr durch das Reitdiep. Ohne Motor….. Irre….

Die niederländische Flotte – von Groningen über das Reitdiep hinaus bis Sumatra.

Nachtrag 1700h:

Wir haben doch noch mal den Liegeplatz gewechselt, auf die andere Seite der Brücke. Da ist Strom und Wasser, Klo und Dusche- und wenig los. Nur ein paar nette Nachbarn. Für alles zusammen mit zwei Duschmarken und super WLAN zahlen wir 12,50 pro Nacht!  Wo gibt es das für ein Wohnmobil und das in entsprechender Lage? Und ich habe noch interessante Kleinreparaturen durchgeführt. Der Diesel hatte nämlich einen zu hohen Leerlauf, ging nicht mehr ganz an den Anschlag zurück und lief mit 1400 statt 700 Touren. Das habe ich mit einem Gummihandschuh behoben, der als „Rückholfeder“ montiert wurde. Ferner den Zug geschmiert und den Anschlag nachjustiert. Im nächsten Hardwareladen hole ich mir eine kleine Zugfeder und ersetze damit den Gummihandschuh. Und weil vom Motordeckel sich langsam die Dämmung löste, habe ich die mit großen  Scheiben unter den Schrauben wieder angeschraubt. Alles prima.

Das Wifi läuft jetzt wie Otter, weil ich es nutze, um alle Videos aus der ActionCam in meine Cloud zu laden. Über Mobilnetz hätte das mein Datenvolumen satt gekillt….

Und es regnet auch nicht, ist warm und fast windstill. Was will man mehr?

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Kategorisiert in Logbuch

Von Kommodore

Segler seit 1965. Bevorzugt im Wattenmeer unterwegs. 30 Jahre Jugendwart mit Aufbau einer Zugvogel-Flotte und jährlich mehreren Touren von Fedderwardersiel bis zum Ijsselmeer. Seitdem auch als Ausbilder tätig, früher für Jugendliche, heute für Erwachsene. Sportbootführerscheine und Seefunkzeugnisse. Als Funkamateur natürlich auch mit Kurzwelle an Bord vom "Butt", beliebteste Betriebsart ist immer noch die Morsetelegrafie.

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