Tag 20 Friesland 2022 (20.6.) Aurich bis WHV

Heute schreibe ich spät, und das hat seinen Grund: Wir mussten den längeren verbleibenden Teil des Ems-Jade-Kanals zügig durchfahren bis Wilhelmshaven, wo wir nun – der großen Seeschleuse gegenüber – bei der MSW (Marine-Seglergemeinschaft Wilhelmshaven) liegen.  Wir mussten heute unbedingt die letzten Brücke des Kanals, schon im Hafen von Wilhelmshaven gelegen, passieren, denn ab morgen wird die für drei Tage gesperrt wegen Umbauarbeiten! Das haben wir aber auch eher zufällig erst heute erfahren (oder war es gestern Abend?). Nirgends eine offizielle Verlautbarung, ein Aushang, ein Hinweis schon beim Einschleusen in den Kanal in Emden oder in einer der Schleusen – wären wir nicht zufällig durch einen Hinweis darauf gestoßen und hätten es im Internet dann selber recherchiert, dann säßen wir vermutlich jetzt in einer Falle!  (Ich will es nicht schon wieder sagen, aber in Holland wäre das so nicht gelaufen….)

Abendhimmel überm Auricher Hafen

Also, 0815h in Aurich aufgebrochen, dann zügig durch alle Schleuse und Brücken (deren gibt es viele, manche aber auch gottlob als feste, höhere Bauwerke) und begleitet von zuallermeist netten Schleusern und Brücknern. (Mit einer Ausnahme, über den wir uns sehr geärgert haben, zuständig für die Brücke von Dykhausen und den beiden folgenden. Aber auch der tat dann seinen Dienst, ohne auch nur ein Wort oder einen Blick mit uns zu wechseln.)

Schleuse Wisens
Eisenbahnbrücke Sande
Unterquerung der Kaiser-Wilhelm-Brücke mit Blick auf Zerstörer „Mölders“
Unser Liegeplatz bei der MSW in Wilhelmshaven

Wir sind also durch und es bläst kräftig und quer über das große Hafenbecken und wir haben hier durchaus ewas Seegang in der Box. Der starke Wind aus Westen, also meist von achtern, schonte zwar den Diesel etwas, führte aber zu schwierigen Manövern vor Brücken und in Schleusen, weil eben ein Schiff mit fester Welle sich rückwärts aufgrund des Radeffektes schlecht steuern lässt auf engem Raum. Haben wir aber hinbekommen, inklusive einer Zwangsmittagspause (bei der Kanalverwaltung) unter der Autobahnbrücke Sande. Leise war es da gerade nicht und der Wind pfiff von hinten mächtig ins Cockpit. Aber ich will nicht meckern: das Weitermeldenprinzip auf dem EJK hat sich doch sehr bewährt und wir mussten höchst selten telefonieren. Apropos telefonieren: Hätten wir nicht zufällig (!) gestern einen Streckenprospekt über den Kanal mit allen Brücken und Schleusen und den meisten Telefonnummern in Aurich entdeckt, wir wären ziemlich blind durch den Kanal gedieselt! Dass es auch anders geht, zeigt der Elisabethfehnkanal, wo man eine aktuelle Broschüre vom Schleuser überreicht bekommt, die auch noch aussagekräftig ist und keine reine Touristenbespaßung. Dieser EJK-Prospekt ist auch schon mächtig in die Jahre kommen und bedarf dringend einer aktuellen Überarbeitung.

Wettermäßig gab es ein paar Regentropfen, ansonsten war bedeckt bis sonnig. Viele Wolken, starker Wind, der zum Glück morgen und für den Rest der Woche abklingen soll. Der Mast liegt auch noch, weil ich keinen Drang verspüren, ihn bei Starkwind und kabbeligem Wasser zu stellen. Wir haben ja keine Eile. Hier liegt man gut und auch günstig und es ist alles hier, sogar WLAN, ich habe nur noch kein Passwort.

Wie es weitergeht? Keine Ahnung. Es gibt zwei Varianten: die schnelle, direkte und die davon abweichende. Also entweder über die Kaiserbalje nach Fedderwardersiel (und wenn es drängen würde, dann auch weiter bis Absersiel oder Großensiel) oder aber noch mal einen Abstecher durch den Jadebusen ins „nette“ (wie Werner sagen würde, und er hätte Recht damit) Dangast. Da liegt man hoch auf dem Schlick – und kann weit gucken…. Aber auch schön spazierengehen und in der Strandhalle einen Kaffee trinken. Mal sehen, wie entschieden wird.

Anfahrt im breiten Hafen von Wilhelmshaven auf die Kaiser-Wilhelm-Brücke

Kompliziert wird die Sache durch die große Seeschleuse, die sonst nur Behördenfahrzeuge und vor allem Fregatten schleust. Entsprechend groß sind die Schleusenkammern und entsprechend wenig sind die Schleuser darauf erpicht, einzelne Sportboote durchzuschleusen. Man muss sich vorher anmelden, einige Stunden vorher (!) am besten oder irgendwelche festen Termine wahrnehmen, die dann meist nicht zu der gewünschten Tide passen. Am Wochenende könnte man sich anderen Seglern anschließen, aber mitten in der Woche ist man meist allein unterwegs. Ich habe schon den Kanal 13 von der Schleuse durchlaufen. Meist ist da Ruhe, aber zweimal hat ein Sportboot gerufen, um nach Schleusung zu fragen, und zweimal wurde es erst einmal „belehrt“. Eines wollte wohl eben bei noch nicht ganz geöffnetem Schleusentor (50m breit!!!) schon auslaufen, wie man es in Holland erwartet (!) und wurde erst mal per Funk zur Ordnung gerufen, doch bitte die vollständige Öffnung und das grüne Licht abzuwarten!

Apropos Lichter an Schleusen (oder Brücken): Das lernt man in Holland sehr schön, was es mit roten, grün-roten und grünen Lichtern da auf sich hat. Und man lernt es schon bei der Vorbereitung zum Sportbootführerschein. Es macht nämlich einen Unterschied, ob zwei Rot nebeneinander oder untereinander leuchten. Mal ist die Schleuse in Betrieb, aber für den Betrachter gerade nicht zu befahren, mal ist die außer Betrieb! Im ganzen EJK habe ich nicht ein einziges LIcht leuchten sehen! Alle abgeschaltet! Auch schon in Emden! Und über Funk kann man auch kaum jemanden fragen, aber das Thema hatten wir ja schon. Es passt nicht so richtig zusammen: einerseits vorhandene Lichter nicht einzuschalten und andererseits Sportbootfahrer zu ermahnen, auf das grüne Licht zur Ausfahrt zu warten.

Hier wird alles schön erklärt: Lichter an Schleusen

Es gibt auch in Deutschland übrigens Schleusen, wo das „holländische“ Verfahren erwartet wird! Etwa in Ritterhude. Und nicht nur da. Das beschleunigt den Betrieb. Wenn ich durchpasse, dann fahre ich los…  Auch bei Brücken. Warum soll ich denn mit meinen 2,2m Durchfahrtshöhe bei gelegtem Mast warten, bis die Brücke senkrecht steht?! Die gesperrte Straße wird viel schneller wieder frei, wenn der Brückenbediener nicht ganz hoch- und wieder runterfahren muss. Und wer dann zu früh losfährt, der beschädigt ja nicht die Schleuse oder Brücke, sondern allenfalls sein eigenes Schiff und da passt man schon drauf auf…

Wenn ich also durch diese Seeschleuse durch bin, dann mache ich erst mal drei Kreuze.

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Von Kommodore

Segler seit 1965. Bevorzugt im Wattenmeer unterwegs. 30 Jahre Jugendwart mit Aufbau einer Zugvogel-Flotte und jährlich mehreren Touren von Fedderwardersiel bis zum Ijsselmeer. Seitdem auch als Ausbilder tätig, früher für Jugendliche, heute für Erwachsene. Sportbootführerscheine und Seefunkzeugnisse. Als Funkamateur natürlich auch mit Kurzwelle an Bord vom "Butt", beliebteste Betriebsart ist immer noch die Morsetelegrafie.

2 Kommentare

  1. Hallo Holger, vielen Dank für den schönen Bericht. Das macht Spaß zu Lesen!! viele Grüße aus Hamburg, Stefan Freiherr

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