Der Jammer mit der Jütt

Eine Definition vorweg: Ein Jüttbaum (auch Jütbaum geschrieben), kurz eine „Jütt“ (auch „Jüt“ geschrieben) ist eine Vorrichtung, die andere auch als „Toter Mann“ bezeichnen. Und alle meinen damit eine hebelartige Konstruktion, mit der man den Mast eines Segelbootes leichter und oft auch ganz alleine aufstellen oder legen kann.

Sehr von Vorteil, wenn man unter Brücken hindurch muss (wie bei uns) oder Wartezeiten an Hebebrücken vermeiden will (z.b. die Eisenbahnbrücke über die Schlei, die schon mal für Monate (!) geschlossen bleiben musste!

Physikalisch ist das nichts anderes als eine Anwendung des Hebelgesetzes, das auch schon die Urzeitmenschen beherrschten. Das Prinzip ist also ganz leicht, bei kleinen Jollenkreuzern auch die Ausführung, aber bei höheren und schwereren Masten kommt es dann doch auf manches Detail an. Und deshalb erwähne ich das hier überhaupt.

Welche Kriterien sind für eine Jütt nun wichtig?

  1. Eine Jütt muss so leichtgängig wie eben möglich laufen (zumindest, wenn häufiger der Mast umgelegt werden muss, weil es sonst nervt).
  2. Eine Jütt sollte dauerhaft angeschlagen sein (zumindest, wenn häufiger der Mast umgelegt werden muss, weil es sonst nervt).
  3. Eine Jütt im angeschlagenen Zustand sollte keine Stolperfalle sein und auch nicht die Segelei beeinträchtigen (weil es sonst nervt).

Das bedeutet im Detail:

  • Nicht bei den Kosten sparen (außer für Notlösungen)! Alle Blöcke der Jütt-Talje sollten groß genug dimensioniert sein, um eine 10er Schot aufnehmen zu können. Sie sollten kugelgelagert sein, um Reibungsverluste zu vermeiden. Und bei der Länge der Jütt-Talje lieber ein paar Meter länger investieren, damit man ggf. auch mal vom Cockpit aus ziehen kann (ich habe da geknausert um 2m und ärgere mich bis heute darüber!).
  • Wenn die Jütt dauerhalft liegen bleiben soll, dann kommt letztlich nur eine V-förmige Gabel (gerundet an die Rumpfform angepasst oder gerade) in Betracht. Die Tote-Mann-Stange, die direkt vom Mast zum Bug geht, stört die Fock und ist eine böse Stolperfalle. Dazu wählt man V4A-Rohr mit ausreichender Wandstärke (mir ist schon mal ein gerundet an die Schiffsform angepasstes Rohr noch „runder“ geworden, als ich den Mast runterließ, sprich total verbogen, weil es die Kräfte nicht aufnehmen konnte. Hätte auch einen neuen Mast bedeutet können im schlimmsten Fall – oder einen neuen Kopf beim Helfer).
  • Alles funktioniert beim Mastlegen am besten, wenn sich die entscheidenden Kräfte im richtigen Drehpunkt befinden. Bei den Oberwanten heißt das, dass der Drehpunkt mit dem Mastdrehpunkt im Mastkoker übereinstimmen muss. Also höher legen und dort abstützen. Vorteil: Die Oberwanten bleiben stramm und der Mast kann nicht seitlich ins Schwanken kommen (was schon mal den Koker zerlegen kann wegen des großen Hebels!).
  • Gedenket der Kabel!!! Ich weiß, warum ich das schreibe, denn ich habe schon beim Mastlegen Kabel zerrissen oder ihre Steckdosen aus dem Rumpf gezogen. Immer, weil ich vergaß, vor dem Legen die Kabel zu lösen. Und beim Setzen sind mir die Kabel manchmal unter den Mastboden gekommen und dann klemmte sich die ganze Sache im Koker fest. Alles Kleinigkeiten, aber die muss man intelligent lösen. Da meine Decksdurchgänge für Toplicht- und Seefunkantennenkabel ziemlich leckten bzw. kontaktarm wurden, habe ich jetzt alles via „Schwanenhals“ umgerüstet. Und seitdem läuft es und ist absolut dicht (siehe Foto). Also besser gleich eine praktikable Lösung finden. Mit dem Schwanenhals muss ich in Sachen Kabel an nichts mehr denken, sie ziehen sich einfach ein wenig aus dem Schwanenhals raus und ich muss sie nur trennen (in der Kajüte!), wenn ich den Mast aus dem Koker nehmen und ganz nach vorne auf den Bugkorb ziehen will.
  • Und ein Letztes: Wenn der Mast liegt, dann steht das Jütt-V nach oben. Bei mir sind das dann knapp 3m über Wasser. Das wird bei HW in unserer Schleuse und bei manchen Brückendurchfahrten eng. Also kann ich mit einem einzigen Klappbolzen das „V“ vom Vorstag trennen und runterklappen. Dann sind es nur noch ca. 2m, was wieder ganz andere Durchfahrten ermöglicht.
    V-förmiger Jüttbogen
    Schwanenhals für Kabel
    V-förmiger Jüttbogen

    Entspannt auf der Hamme
Kugellagerblöcke und 10er Schot erleichtern
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Kategorisiert in Technik

Von Kommodore

Segler seit 1965. Bevorzugt im Wattenmeer unterwegs. 30 Jahre Jugendwart mit Aufbau einer Zugvogel-Flotte und jährlich mehreren Touren von Fedderwardersiel bis zum Ijsselmeer. Seitdem auch als Ausbilder tätig, früher für Jugendliche, heute für Erwachsene. Sportbootführerscheine und Seefunkzeugnisse. Als Funkamateur natürlich auch mit Kurzwelle an Bord vom "Butt", beliebteste Betriebsart ist immer noch die Morsetelegrafie.

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